Film-Kritik: Greatest Showman

Greatest Showman

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The Greatest Showman – Packt den Zuschauer in Watte

Da ist er nun im Kino: Greatest Showman von Michael Gracey. Als Musical-Anhänger möchte ich natürlich meine ganz eigene Kritik mit euch teilen. Als großer Fan von Moulin Rouge, musste ich diesen Film natürlich sehen! Und -Ja!-, den naheliegenden Vergleich mit dem Schnulzen-Musical von 2001 muss Greatest Showman standhalten. Denn schließlich sind beide Filme in ihrer Machart und Story sehr ähnlich und sprechen dieselbe Musik-begeisterte Zielgruppe an.

Aber zuerst eines vorweg: Greatest Shoman ist ein anderer Film als Moulin Rouge, auch wenn es offensichtliche Parallelen gibt. Und die liegen oft in den Unterschieden, selten in den Gemeinsamkeiten, obwohl die Geschehnisse historisch ganz grob (ca. 50 Jahre Unterschied; Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts) in einer ähnlichen Zeit angesiedelt sind. Das beginnt schon mit den Hauptfiguren, die bei Greatest Showman offensichtlich einer Gilde von Freaks angehören, während die Protagonisten bei Moulin Rouge zwar auch nicht in der gesellschaftlichen Mitte leben, aber zumindest nur als gesellschaftlich schlechter situierte bzw. verklärte, aber akzeptierte Gestalten durchgehen. Bei Michael Graceys neuem Film sind die Hauptdarsteller mehr als Menschen zweiter Klasse: Sie sind gesellschaftlich Ausgestoßene, Geächtete und Menschen vor denen -oder die man am besten gleich selbst- versteckt. Das passt natürlich in die Idee eines Zirkusses, der sich mit Kuriositäten rühmt. Und so ist eine der Haupthandlung eben jene Geschichte der Außenseiter einer oberflächlichen Gesellschaft, die Unterhaltung durch Freaks duldet, aber sie eigentlich nicht zu ihren eigenen Reihen zählen möchte. Zumindest denkt man das zu Anfang, bevor Greatest Showmann sich in ebenso vielen Nebenhandlungen, wie Darstellern verliert.

Seltsamerweise gelingt es dem Film trotz fast greifbarer Überzeichnung nicht, den vielen unterschiedlichen Nebendarstellern Leben einzuhauchen. Klar sind alle Figuren grundsätzlich sympathisch, wenn man denn was von Ihnen mitbekommt… aber der Film schafft es einfach nicht, die Tragik hinter ihren Schicksalen zu transportieren. Vielmehr wird die Gefühlskeule geschwungen und auf konditioniertes Mitleid gesetzt, die Außenseiter in Filmen immer wieder zur Identifikationsfigur machen: die Dicken, die Kleinen, die weniger Hübschen, die Riesen, die Albinos… es ist, als ob jede Minderheit in übertriebenem Maße Platz in Greatest Showman findet. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Viel zu wenig werden sie in den eigentlichen Plot des Filmes integriert und tragen zu wenig zur Geschichte bei. Fast alle Figuren bleiben blass und ohne Tiefe. Die Tragik der Ausgestoßenen wird einfach nicht überzeugend erzählt. Stattdessen bedient sich Graceys der bereits 1000 Mal gesehenen, plumpen und überzeichneten Bösewichte. Elende Trunkenbolde, die grölend gegen eine Gruppe gutmütiger Andersartiger protestieren und dem moralischen Kompass des Zuschauers jedwede eigene Einschätzung abnehmen: Gut und Böse ist so offensichtlich charakterisiert, dass es nicht annähernd des eigenen Gehirnschmalzes bedarf, um Stellung zu beziehen. Leider ist es so, dass derartig eintönige Bösewichte in der realen Welt nicht existieren. Hier holt die Realität die Fiktion ein, denn in Zeiten von Hate Crime, Rassismus und Nationalsozialismus wirken die Film-Bösewichte selbst irgendwie alt, traurig, und märchenhaft, weil selbst gescheitert… Menschen ohne Rückhalt und mit der Alk-Pulle in der Hand.

Mit dieser Abstinenz von Mut zu irgendeiner Form von Stellungnahme und dem fehlenden Willen, eine schmachtende Geschichte ohne jegliche Höhen und Tiefen zu erzählen -oder zumindest kurz ins ironisch Übertriebene zu driften – macht Graceys Greatest Showman ironischerweise genau das, was der Regisseur eigentlich aufzulösen versucht: Er zeigt Freaks, die kurzzeitig durchaus amüsant sind, aber dann von der Bildfläche verschwinden. Mehr nicht. Das ist traurig und verschossenes Pulver, denn was hätte man die Charaktere ausbauen können.

So kommen wir zur zweiten Schwäche von Greatest Showman: das schnelle Auftauchen und Verschwinden von Geschichten und vermeintlichen Protagonisten. Ob es der eigentliche Plot um Barnum und Charity, die Opernsängerin Ms Lind oder die Liebesgeschichte um Carlyle und Ann geht: es scheint immer, als ob da etwas angerissen, aber nie zu Ende erzählt würde. Man wünscht sich den Ausbau der Geschichten, aber -Peng!- ist die Story vorbei, die Figuren werden entsorgt und der nächste Plot beginnt, um rechtzeitig den neuen, passenden Song zu platzieren. Ein wenig fühle ich mich in Zeiten der Kassetten zurückversetzt, deren eigentliche Kunst die verkürzte und knappe Darstellung komplexerer Geschichten war. Auch hier nochmal ein kurzer Vergleich zu Moulin Rouge: wo Greatest Showman seine prosaische Schwächen hat, punktet Moulin Rouge mit einer zwar simpleren, aber sehr viel tragischeren, konsistenteren und mitreißenderen Geschichte.

Positiv zu erwähnen ist das Setting von Greatest Showman. Einzigartig und enorm einfallsreich blitzen immer wieder überraschende Details auf, die mir in Kombi mit der tollen Musik einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Wunderbar zu sehen, wie schon beim ersten Song zu genau den passenden Beats die Lipizzaner eintraben! Hach…! Oder wie die Wäsche im Winde weht und visuell die tollen Stimmen der Darsteller unterstützt. Die Leistungen der Darsteller sind allesamt grandios und alle holen das Maximum an Schauspiel heraus. Hugh Jackman glänzt, genauso wie alle anderen hochkarätigen und weniger hochkarätigen Stars. Es ist ein Schmaus, den Darstellern zuzuschauen und zuzuhören.

Generell aber fehlt dem Film die Ironie und Leichtigkeit, aber auch der Mut zur Tragik eines Moulin Rouge. Die Story ist im Gesamten fröhlicher und „very American“, will heißen: dem Zuschauer wird kaum eine negative Emotion zugemutet. Wer Greatest Showman anschaut, muss keine Angst haben, auf emotionale Talfahrt zu gehen.

Ich muss gestehen, dass man diese abrupten und schnell abgehandelten Erzählstränge dennoch im Gesamten wohlwollend betrachten kann, denn bei aller Liebe zu ausgestalteten Geschichten und Charaktertiefe, macht dieser Film mit seinen eingängigen und mitreißenden Songs dennoch einfach, ihn zu mögen. Und die Musik ist so poppig, dass man sie noch am nächsten Tag summen mag.

Fazit: Wer Moulin Rouge mochte und nicht zu sehr auf die erzählerischen Details achtet, wird definitiv seinen Spaß haben! Und wer Greatest Showman nicht sehen möchte, sollte sich zumindest den Soundtrack bei Spotify anhören. Mega! Ich jedenfalls liebe diesen Film mit all seinen Schwächen und Stärken und empfehle ihn trotz aller Kritik unbedingt weiter.

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